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BMBF-Projekt „Parerga und Paratexte“

Parerga und Paratexte – Wie Dinge zur Sprache kommen.

Praktiken und Präsentationsformen in Goethes Sammlungen.

(english abstract see below)

 

logo BMBFGefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des BMBF-Projekts „Die Sprache der Objekte“.

Ein Verbundprojekt der Klassik Stiftung Weimar, der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, der Universität Bielefeld und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Wie kommen Dinge zur Sprache? Auf welche Weise lassen sie sich ansprechen, werden aussagekräftig oder sprechen gar selbst? In der aktuellen kulturwissenschaftlichen Diskussion dieser Fragen dominieren zwei Ansätze: Entweder werden Dinge als Bedeutungsträger und somit als Zeichen eines übergeordneten Sprachsystems aufgefasst oder aber ihnen wird der Status von sprachmächtigen Akteuren zugewiesen. Das Projekt problematisiert beide Ansätze und sucht nach einer dritten Position, deren Ausgangspunkt Goethes Konzeption eines „Gesprächs mit den Dingen“ ist, das eine Subjekt-Objekt-Dichotomie in Frage stellt.

Das Projekt profitiert von dem kulturgeschichtlichen Glücksfall, dass sich in Goethes umfangreichen Kollektionen nicht nur die Objekte selbst, sondern ebenso Sammlungsmöbel, Sockel, Vitrinen, Objektbeschriftungen, Etiketten u.a.m. erhalten konnten. Der außergewöhnliche Bestand dieser vermeintlich trivialen Parerga und Paratexte geriet bisher jedoch kaum in das Blickfeld der Forschung. Gerade in der Zusammenschau der materiellen und textuellen Zurichtungen von Sammlungsobjekten mit der dichten Überlieferung archivalischer Quellen und autobiographischer Texte lassen sich konkrete Sammlungspraktiken rekonstruieren. In wechselseitiger Erhellung zu diesem praxeologischen Zugang steht die Analyse der in den naturwissenschaftlichen, kunsttheoretischen und literarischen Texten Goethes und seiner Zeitgenossen reflektierten Sprachfähigkeit der Objekte.

In vier Fallstudien werden parergonale Rahmungen von Sammlungsstücken, paratextuelle Zurichtungen von Dingen, epistemische Möbel sowie die Präsentationsformen der geowissenschaftlichen Sammlung untersucht; Letzterer kommt eine Querschnittsfunktion zu, da dieser nahezu geschlossen erhaltene Bestand es erlaubt, exemplarisch alle in den anderen drei Forschungsvorhaben analysierten Aspekte zueinander in Beziehung zu setzen.

Das Teilprojekt der FAU Erlangen-Nürnberg nimmt Dinge in den Blick, die neben den wissenschaftlichen Objekten im Strom der Gebrauchsgegenstände, Gaben und Gelegenheitsgeschenke eher ein Sammelsurium als eine Sammlung ergeben. Als Artefakte des Kunstgewerbes wie als Produkte der Alltagskultur sind Schachteln, Brieftaschen, Taschenkalender und Visitenkarten buchstäblich allgegenwärtig, als beschriftete und beschriebene Objekte werden sie jedoch isoliert, transformiert und in neue kulturelle und soziale Konstellationen gebracht. Besonders augenfällig wird diese Herstellung sprechender Objekte aus gewöhnlichen Dingen dort, wo unterschiedliche Formen der Beschriftung zum Einsatz kommen: In der Zirkulation von anspielungsreichen Gegenständen fallen beispielsweise die Variationen handschriftlicher Signaturen, Widmungen und Übereignungen auf, die auf dafür ungeeignetem Grund aufgebracht oder aufwendig in dessen tiefere Schichten geritzt werden. Textile Gegenstände mit gedruckten oder gestickten Schriftzügen machen zudem darauf aufmerksam, wie widerständige Schreibmaterialien bestimmte Möglichkeiten des Schreibens zugleich eröffnen und begrenzen.

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Krümel eines Brotes aus Kasan, um 1818, aus Goethes Besitz. © Klassik Stiftung Weimar, Museen

Das Projekt möchte zum einen zur Konturierung des Interaktionsverhältnisses von Ding und Schrift sowie seiner materialen Bedingungen und Bedingtheiten beitragen und soll zum anderen eine kontrollierte Rede über solche Gegenstände erproben, die selbst die Grenze zwischen buchstäblichem und metaphorischem Sprachgebrauch thematisieren und (spielerisch) verwischen. Durch eine genaue Analyse der je spezifischen materialen Eigenschaften und durch die wechselseitige Erhellung der „Varia“-Gegenstände und der Texte, die sie als Para- oder Peritexte rahmen und konstituieren, werden somit bislang stumme Objekte zum Sprechen gebracht, und in einer kritischen Reflexion dieser ‚Sprache‘ neue literaturwissenschaftliche Ansätze einer Rede von den Dingen entwickelt.

Die im Zuge dieses Teilprojekts angestrebte Dissertation mit dem Arbeitstitel „Beschriebene Objekte. Schriftlichkeit, Materialität und Performativität von Varia in Goethes Sammlungen“ fokussiert Dinge, deren Status je durch ein außergewöhnliches Verhältnis zu Text markiert wird. Vor dem Hintergrund maßgeblicher Arbeiten aus den Kulturwissenschaften resp. material culture studies, ästhetischer Fragestellungen sowie einschlägiger literaturwissenschaftlicher Ansätze wird die empirische Untersuchung exemplarischer Objekte theoretisch eingebettet. (Bearbeiterin: Gudrun Püschel)

 

Parerga and Paratexts – How Things Enter Language

Practises and Forms of Presentation in Goethe’s Collections (abstract)

How do things enter language? How can they be addressed, become significant, or even expressive? Within the field of cultural studies, discussions of these questions currently tend to be influenced by two dominant approaches: Either things are regarded as being fraught with meaning, i.e. as signs pertaining to an encompassing language system, or they are attributed the status of eloquent agents in their own right. The project exposes the problems inherent to both these approaches and in their stead attempts to develop a third position from Goethe’s concept of “conversing with things”, availing itself of the latter’s capacity to challenge the subject-object dichotomy.

Inasmuch as of Goethe’s expansive collections not only the objects proper, but also their fixtures and appertaining pieces of furniture such as pedestals, showcases, cabinets, as well as original letterings and labels have survived, the project profits from a singular windfall to cultural history. So far, however, the collections’ exceptional holdings of purportedly trivial parerga and paratexts have hardly ever been brought into the focus of due scholarly attention. Yet it is precisely from a synoptic perspective which aligns the objects’ material and textual adjustment with the dense tradition of archival sources and autobiographic texts that specific historical collection practices are to be reconstructed. Interacting with this praxeological approach in a process of mutual illumination, an analysis of the eloquence of objects as it is reflected in Goethe’s aesthetic, scientific and literary writings is brought to bear. In three case studies parergonal framings of objects, paratextual adjustments of things and examples of epistemic furniture will be examined. A fourth study will focus on Goethe’s geoscientific collection and assume the function of a cross-cutting project in relation to the others mentioned above, since this particular collection’s holdings have been virtually preserved in their entirety, and thus allow it to scrutinise items exemplative of the mode in which all three aspects covered by the other respective studies interrelate.

The said four case studies will be interlaced with three additional modes of procedure in order to conduce to the project’s interdisciplinary approach, ensure its visibility on an international level and impart its findings to a broader audience. A regularly convening working group, comprising scholars and conservators-restorers in addition to project leaders and academic staff members will discuss interim results and extend conceptual issues, not only correlating models derived from the arts with approaches rooted in the sciences, but also synchronising theory-oriented academic reflections with ways to address issues related to a museum’s specific holdings or to the particulars of actual conservation work carried out on concrete objects. Furthermore, a selection of exemplary expressive objects is to be devised that is to feature at the centre of a small-scale experimental presentation using the medium of short films in order to translate historical modes of “conversing with things” into forms compatible with the media-related possibilities characteristically afforded by current exhibition practises. Two international conferences on ‘agency’ and ‘epistemic frames of objects’, planned in cooperation with partnering institutions of knowledge research in Leiden and Lucerne, are designed to reflect the project’s results from a theoretical angle.

For further information please contact: Prof. Dr. Cornelia Ortlieb or Gudrun Püschel

 

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